Wilder Apfelessig ist eines der ehrlichsten, einfachsten und traditionellsten Dinge, die du in deiner Küche herstellen kannst. Du brauchst keine Starterkultur, kein Spezialgerät und keine Vorkenntnisse. Was du brauchst sind reife Äpfel oder deren Reste, ein Glas, etwas Zucker und Geduld.
Wieso reife Äpfel? - Weil je reifer die Frucht, desto mehr Futter steht den Mikroben sofort zur Verfügung.
Wieso Zucker? Weil er neben den Kohlenhydraten aus den reifen Äpfeln den Mikroben zusätzlich als Futter dient.
Die Apfelessig- Herstellung läuft nämlich in 2 Phasen ab (vereinfacht dargestellt):
Bei Essig spielen vor allem zwei Mikrobenfamilien eine wichtige Rolle: zuerst die Hefen, in unserem Fall wilde Hefen, die die Kohlenhydrate (auch den Zucker) in Alkohol und CO2 umwandeln, und dann anschliessend die Essigsäurebakterien -Acetobacter, die den Alkohol u.a. zu Essigsäure verstoffwechseln.
Auf dieser Seite findest du meine Grundanleitung für wilden Apfelessig, Antworten auf die Fragen, die mir am häufigsten gestellt werden, und Ideen, wie du von dort aus weitergehst – zu Fruchtessigen und Wildpflanzen-Essigen.
Die Essigmutter ist eine gallertartige Schicht aus Essigsäurebakterien und Hefen, die sich an der Oberfläche deines Essigs bilden kann. Sie ist kein Pilz und kein Schimmel. Sie kann als Starter für einen neuen Ansatz dienen – nötig ist sie aber nicht, ein Essig gelingt auch ohne sie.
Wichtig ist der Zeitpunkt: Gib sie nicht ganz zu Beginn dazu, sondern idealerweise ab Tag 4 bis 5 – also dann, wenn der Ansatz bereits gut blubbert und nach Alkohol riecht.
Anbei ein paar Fotos von unterschiedlichen Essigmüttern:

Alles Weitere – wie du eine Essigmutter aufbewahrst und verwendest und wie du sie sicher von Kahmhefe und Schimmel unterscheidest – findest du hier: Essigmutter: erkennen, aufbewahren und verwenden.
Dieses Rezept funktioniert mit ganzen Äpfeln genauso wie mit dem, was sonst im Kompost landet: Schalen, Kerngehäuse, Reste vom Kuchenbacken.
Das Glas gründlich säubern und beiseitestellen. Äpfel, Apfelreste und Schalen waschen und in Stücke schneiden – je kleiner, desto besser.
Das Obst ins Glas geben. Das Glas sollte etwa bis zur Hälfte (nicht weniger) mit Früchten gefüllt sein. Den Zucker dazugeben und das Glas vollständig mit Wasser auffüllen. Den dünnen Stoff über das Glas legen und mit dem Gummi befestigen.
Rühre die Äpfel ab jetzt sechs bis sieben Tage lang zweimal täglich mit einem Holzlöffel um.
In dieser Zeit passiert einiges, und alles davon ist richtig so:
Vergiss bloß das tägliche Umrühren nicht. Das Umrühren garantiert, dass sich keine Fäulnisbakterien an der Oberfläche setzen und das Ganze anfängt zu schimmeln. Ausserdem bringen wir mit dem Umrühren neue Hefen inkl. Sauerstoff ins Glas.
So sehen die erste Schritte aus:

Die erste, alkoholische Gärung ist durch – jetzt geht es über zur Essigsäuregärung.
Nach sieben Tagen – oder sobald kein Schaum mehr sichtbar ist (ein Zeichen dafür, dass die Hefen mit ihrer Arbeit durch sind und keinen Alkohol sowie auch kein CO2 mehr produzieren) – die Früchte abseihen. Die Flüssigkeit auffangen und zurück ins Glas geben. Den Stoff wieder aufspannen. Er schützt vor Fruchtfliegen und grobem Staub.

Den Essig jetzt rund vier Wochen (es ist aber nur ein Schätzwert) an einem warmen Ort (die Essigsäurebakterien benötigen Sauerstoff) offen reifen lassen. Unser Apfelwein wird jetzt bei Temperaturen über 18 Grad, idealerweise 22 bis 23 Grad oder einen Tick wärmer zu Apfelessig verwandelt. Ab jetzt wird nicht mehr gerührt.
Idealerweise bildet sich in dieser Zeit eine Essigmutter. Muss aber nicht. Das hängt von der Anwesenheit der richtigen Essigsäurebakterien ab, s.o.
Sobald der Essig nur noch nach Essig duftet und schmeckt, ist er fertig.
Lass ihn jetzt nicht zu lange unbeobachtet stehen. Die Essigsäurebakterien fressen nicht nur Alkohol, sondern irgendwann auch den Essig selbst. Ja tatsächlich! Die Familie der Acetobacter ist riesig und manche Stämme stehen nicht nur auf den Apfelwein sondern auch auf den Essig selbst.
In kleinere Gläser oder Flaschen füllen und verschließen. Der Essig hält sich mehrere Jahre – im Keller, in der Küche, im Vorratsregal. Am besten dunkel. Er reift dabei noch ein bisschen nach.
Reife Essige müssen nicht im Kühlschrank aufbewahrt werden.

Ein typischer Bio naturtrüber Apfelessig im Handelt zeichnet sich durch 5% Säure aus. Wild hergestellte Essige erreichen diese Säuremarke eher nicht. Selbst hergestellte Essige in der "wilden" Methode wie hier beschrieben erreichen erfahrungsgemäß um 4% Säure. Diese reicht nicht aus um z.B. Lebensmittel langfristig haltbar zu machen.
Für schnelle Pickles, die du innerhalb weniger Wochen aufbrauchst, sind diese Essige völlig in Ordnung. Ich verwende sie sonst für alles andere im Haushalt, in der Küche sowie in der Naturkosmetik.
Für Lensmittel oder Vorräte, für langfristige Kräuterauszüge etc. empfehle ich gekaufte Essige mit sicherer 5 % Säure.
Apfelessig ist tatsächlich der beste Essig für Anfänger*innen. Äpfel sind ein super Ausgangsprodukt für Apfelwein. Sobald du den Prozess verstanden und verinnerlicht hast, kannst du dich an andere Früchte, Kräuter, Wildpflanzen wagen.
Ich habe in den letzten 10 Jahren riesige Mengen an Wilden Essigen hergestellt aus Früchten, wildem Obst, Kräutern und Wildkräutern und auch sehr viele bunt gemischte, saisonale und regionale Essige.
In meiner Fruchtessige-Masterclass gehe ich weiter, als ein Artikel es kann. Diese Masterclass besteht aus zwei Teilen; Essige wild und kontrolliert angesetzt, und ihre Anwendungen in Naturheilkunde, Naturkosmetik und Küche.
→ Zur Fruchtessige-Masterclass
Viel Freude beim Experimentieren
Syl Gervais
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